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Das fremde Kind
Einer kritischen Auseinandersetzung mit der alten mecklenburgischen Welt stellte Gertrud von le Fort sich in der 1961 erschienen Erzählung Das fremde Kind, die in Ludwigslust angesiedelt ist.
„Wo immer ich auch bin, sooft mich der zärtliche Duft einer blühenden Linde umschmeichelt oder das selige Summen wolkenhafter Bienenschwärme mir leise brausend im Ohr liegt, steigt das Bild meiner versunkenen Heimat so betörend nah vor mir auf, als hätte ich nie Abschied von ihr genommen.“
So heißt es in der Einleitung. Die Ich-Erzählerin Charlotte, Beobachterin und Zeugin, spürt dem Leben und der Beziehung zweiter Vertreter der alten Adelsschicht nach. Die weibliche Hauptfigur ist Caritas Freiin von Glas und Glossow, kurz Gläschen genannt, zumal ihr Vorname Caritas bei uns im Norden, wie Gertrud von le Fort sich identifizierend ausdrückt, recht ungewöhnlich ist, aber durch die süddeutsche Großmutter des Fräuleins gerechtfertigt wird. Charlotte stellt fest: „Es ist mir später immer wie ein Hohn des Schicksals vorgekommen, daß dieses überempfindliche, übermitleidige Wesen ausgerechnet in eine Zeit hineingeboren wurde, die sich bald in nichts so gottverlassen erweisen sollte, als in der Mißachtung des Lebens.“
Gläschen gilt bei den Tanten der Ich-Erzählerin, zwei adligen Stiftsdamen, als Revolutionärin. Und die Ich-Erzählerin entschuldigt selbstkritisch die unsensiblen Tanten mit den Worten: „Wir lebten ja in der naiven Sicherheit, daß wir alles richtig machten.“
Die andere Hauptfigur ist der Offizier Jeskow von Nestritz aus dem Hause Groß-Ellersdorf, ein überaus korrekter junger Mann, der es sich nicht erlaubt, seiner seit Kindertagen bestehenden Neigung für Caritas von Glas zu folgen. Er kann sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges nicht mit dem Zusammenbruch seiner alten Welt abfinden. Aus dieser Haltung heraus sympathisiert er mit den erstarkenden Nationalsozialisten und verfällt später der Führerhysterie, die er mit folgenden Worten rechtfertigt: „Man gehört ihm ganz oder gar nicht... Ich ging unter großen Vorbehalten hin, aber als er mich ansah und ich meine Hand in der seinen fühlte, da war ich sein eigen.“
Schonungslos und mit der ihr eigenen Ironie schildert Gertrud von le Fort die allmähliche Wandlung so mancher Vertreter des Adels zu Anhängern und Bewunderern Hitlers. Auch die alten Stiftsdamen-Tanten sind dem Führerzauber erlegen und bereiten sich darauf vor, in ihrem chinesischen Gartentempelchen Erdbeerblättertee zu trinken, ja, sie sehen diesem Ersatz sogar mit Begeisterung entgegen „als einem Opfer, das man dem geliebten Führer freudig darzubringen hatte.“
Jeskow war in Polen an der "Endlösung der Judenfrage" beteiligt, kehrt aber vorzeitig verwundet und gebrochen in die Heimat zurück. Der Schuss, der ihn in den Rücken traf, kam aus den eigenen Reihen und war eigentlich ein versuchter Fememord, nachdem bei ihm ein gewisses Schwanken und Zweifeln in den bedingungslosen Führerglauben bemerkt worden war.
Unfähig, seine Schuld zu tragen und mit seinem zusammengebrochenen Weltbild zu leben, nimmt Jeskow von Nestritz nimmt seinen Wohnsitz wieder in der kleinen Residenz, auf der die Schatten des Krieges liegen. Nach längerer Abwesenheit kehrt auch Gläschen dorthin zurück, und zwar nicht allein. Sie hat ein Judenkind zu sich genommen, dessen Eltern deportiert worden sind, gibt es als ihr eigenes Kind aus und sorgt sich nicht um die Konsequenzen, obgleich die kleine Esther als den ersten Blick als Jüdin zu erkennen ist und bei den Parteifunktionären Argwohn erregt.
Jeskows Schuldgefühle wachsen, zumal die kleine Esther sich sogleich auffällig zu ihm hingezogen fühlt. Gläschen wendet sich ihm mit der gleichen Liebe und Fürsorge zu, mit der sie sich aller Schwachen, Gescheiterten und Hilflosen angenommen hat. Der schuldig gewordenen Geliebten ist für sie in einem noch tieferen Sinne Opfer als die kleine Esther.
Eines Tages wird Caritas von Glas erschossen am Schweizerhaus aufgefunden, Opfer eines Fememordes....
Das fremde Kind führt zum letzten Mal durch das Ensemble der le Fortschen Lebens- und Gestaltungsräume. Die alte Heimat taucht wieder auf. Erinnerungen an die alte Feudalgesellschaft drängen sich noch einmal hervor, auch die Enttäuschungen über ihr Versagen. Doch die christliche Feindesliebe ist der kritischen Anklage des Verderbenbringenden überlegen. In Caritas von Glas formuliert Gertrud von le Fort ihre christlich-humanistischen Hoffnungen auf einen „neuen Menschen“, der an die Stelle von „Aufarbeitung“ mit dem Ziel bilanzierender Gerechtigkeit Barmherzigkeit und Vergebung setzt.
„Unser neues, tief skeptisches Verhältnis zum Menschen bedeutet natürlich auch ein solches zum eigenen Volk. Unsere Illusionen über dieses Volk, unser Stolz auf dieses Volk sind, was seine zeitgenössische Erscheinung betrifft, gefallen, unsere Liebe zu ihm nicht. Sie ist vielmehr tiefer und mächtiger denn je... Christliche Liebe, das heißt: die ganze Fragwürdigkeit und Abgründigkeit des Menschen kennen und ihn dennoch lieben.“
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