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Gertrud von le Fort

Dichterin, Essayistin, 1876-1971

Aufbruch aus Mecklenburg

Renate Krüger

Aufbruch aus Mecklenburg. Gertrud von le Fort und ihre Welt.

134 S., 24 Abbildungen

Allitera Verlag München 2001

ISBN 3-935877-02-1

Preis € 11.50

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    Inhalt:

  • Gertrud von le Fort und Mecklenburg
  • Das Leben in Ludwigslust un auf dem Familiengut Boek/Müritz
  • Gertrud von le Forts Heimatbeziehung
  • Die literarischen Strömungen in der Zeit Gertrud von le Forts
  • Gertrud von le Forts christlicher Humanismus

Renate Krüger geht in ihrer Darstellung erstmalig auf die besonderen familiären und emotionalen Beziehungen der Gertrud von le Fort zu Mecklenburg ein. Denn gerade auch durch ihr Werk wurde Mecklenburg zum literarischen Ort.

Das fremde Kind

Einer kritischen Auseinandersetzung mit der alten mecklenburgischen Welt stellte Gertrud von le Fort sich in der 1961 erschienen Erzählung Das fremde Kind, die in Ludwigslust angesiedelt ist.

Mausoleum im Ludwigsluster Schlosspark„Wo immer ich auch bin, sooft mich der zärtliche Duft einer blühenden Linde umschmeichelt oder das selige Summen wolkenhafter Bienenschwärme mir leise brausend im Ohr liegt, steigt das Bild meiner versunkenen Heimat so betörend nah vor mir auf, als hätte ich nie Abschied von ihr genommen.“

So heißt es in der Einleitung. Die Ich-Erzählerin Charlotte, Beobachterin und Zeugin, spürt dem Leben und der Beziehung zweiter Vertreter der alten Adelsschicht nach. Die weibliche Hauptfigur ist Caritas Freiin von Glas und Glossow, kurz Gläschen genannt, zumal ihr Vorname Caritas bei uns im Norden, wie Gertrud von le Fort sich identifizierend ausdrückt, recht ungewöhnlich ist, aber durch die süddeutsche Großmutter des Fräuleins gerechtfertigt wird. Charlotte stellt fest: „Es ist mir später immer wie ein Hohn des Schicksals vorgekommen, daß dieses überempfindliche, übermitleidige Wesen ausgerechnet in eine Zeit hineingeboren wurde, die sich bald in nichts so gottverlassen erweisen sollte, als in der Mißachtung des Lebens.“

Gläschen gilt bei den Tanten der Ich-Erzählerin, zwei adligen Stiftsdamen, als Revolutionärin. Und die Ich-Erzählerin entschuldigt selbstkritisch die unsensiblen Tanten mit den Worten: „Wir lebten ja in der naiven Sicherheit, daß wir alles richtig machten.“

Die andere Hauptfigur ist der Offizier Jeskow von Nestritz aus dem Hause Groß-Ellersdorf, ein überaus korrekter junger Mann, der es sich nicht erlaubt, seiner seit Kindertagen bestehenden Neigung für Caritas von Glas zu folgen. Er kann sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges nicht mit dem Zusammenbruch seiner alten Welt abfinden. Aus dieser Haltung heraus sympathisiert er mit den erstarkenden Nationalsozialisten und verfällt später der Führerhysterie, die er mit folgenden Worten rechtfertigt: „Man gehört ihm ganz oder gar nicht... Ich ging unter großen Vorbehalten hin, aber als er mich ansah und ich meine Hand in der seinen fühlte, da war ich sein eigen.“

Schonungslos und mit der ihr eigenen Ironie schildert Gertrud von le Fort die allmähliche Wandlung so mancher Vertreter des Adels zu Anhängern und Bewunderern Hitlers. Auch die alten Stiftsdamen-Tanten sind dem Führerzauber erlegen und bereiten sich darauf vor, in ihrem chinesischen Gartentempelchen Erdbeerblättertee zu trinken, ja, sie sehen diesem Ersatz sogar mit Begeisterung entgegen „als einem Opfer, das man dem geliebten Führer freudig darzubringen hatte.“

Jeskow war in Polen an der "Endlösung der Judenfrage" beteiligt, kehrt aber vorzeitig verwundet und gebrochen in die Heimat zurück. Der Schuss, der ihn in den Rücken traf, kam aus den eigenen Reihen und war eigentlich ein versuchter Fememord, nachdem bei ihm ein gewisses Schwanken und Zweifeln in den bedingungslosen Führerglauben bemerkt worden war.

Unfähig, seine Schuld zu tragen und mit seinem zusammengebrochenen Weltbild zu leben, nimmt Jeskow von Nestritz nimmt seinen Wohnsitz wieder in der kleinen Residenz, auf der die Schatten des Krieges liegen. Nach längerer Abwesenheit kehrt auch Gläschen dorthin zurück, und zwar nicht allein. Sie hat ein Judenkind zu sich genommen, dessen Eltern deportiert worden sind, gibt es als ihr eigenes Kind aus und sorgt sich nicht um die Konsequenzen, obgleich die kleine Esther als den ersten Blick als Jüdin zu erkennen ist und bei den Parteifunktionären Argwohn erregt.

Jeskows Schuldgefühle wachsen, zumal die kleine Esther sich sogleich auffällig zu ihm hingezogen fühlt. Gläschen wendet sich ihm mit der gleichen Liebe und Fürsorge zu, mit der sie sich aller Schwachen, Gescheiterten und Hilflosen angenommen hat. Der schuldig gewordenen Geliebten ist für sie in einem noch tieferen Sinne Opfer als die kleine Esther.

Eines Tages wird Caritas von Glas erschossen am Schweizerhaus aufgefunden, Opfer eines Fememordes....

Schloss LudwigslustDas fremde Kind führt zum letzten Mal durch das Ensemble der le Fortschen Lebens- und Gestaltungsräume. Die alte Heimat taucht wieder auf. Erinnerungen an die alte Feudalgesellschaft drängen sich noch einmal hervor, auch die Enttäuschungen über ihr Versagen. Doch die christliche Feindesliebe ist der kritischen Anklage des Verderbenbringenden überlegen. In Caritas von Glas formuliert Gertrud von le Fort ihre christlich-humanistischen Hoffnungen auf einen „neuen Menschen“, der an die Stelle von „Aufarbeitung“ mit dem Ziel bilanzierender Gerechtigkeit Barmherzigkeit und Vergebung setzt.

„Unser neues, tief skeptisches Verhältnis zum Menschen bedeutet natürlich auch ein solches zum eigenen Volk. Unsere Illusionen über dieses Volk, unser Stolz auf dieses Volk sind, was seine zeitgenössische Erscheinung betrifft, gefallen, unsere Liebe zu ihm nicht. Sie ist vielmehr tiefer und mächtiger denn je... Christliche Liebe, das heißt: die ganze Fragwürdigkeit und Abgründigkeit des Menschen kennen und ihn dennoch lieben.“

Mecklenburgische Themen im Werk der Gertrud von le Fort

Das Land des Vaters

Die Dichterin, Schriftstellerin und Essayistin Gertrud von le Fort (geboren 1876 in Minden, gestorben 1971 in Oberstdorf) ist in Mecklenburg wenig bekannt, obgleich gerade sie auf eine nahezu exemplarische Weise mit diesem Land verbunden war. Mecklenburg galt ihr als das Vaterland schlechthin, das Land des Vaters, der Vorväter, die nach einem weiten Weg durch halb Europa aus Norditalien und Genf nach St. Petersburg und Moskau kamen und schließlich im Zusammenhang des Nordischen Krieges in Mecklenburg ansässig wurden.

Lothar von le Fort„Er (der Vater der Dichterin, Lothar Freiherr von le Fort, Major in preußischen Diensten; d.Verfn) liebte Mecklenburg, er liebte seine charakter- und gemütvollen Menschen, er liebte auch seinen Humor... Man sagte in meiner Jugend allgemein, Mecklenburg sei rückständig. Ich bin überzeugt, wenn die moderne Zeit auf der Schwelle dieses lieblichen Landes länger als an anderen Orten den Atem anhielt, so tat sie es, betroffen von dem Reichtum der Möglichkeiten, die sich gerade in diesem leisen Zögern und Erwartenkönnen einem hastenden Geschlecht mit fast mütterlicher Gebärde anboten. Alles, was zur Tiefe drängt, braucht die Behütung eines gütigen Abseits.“

Die le Forts gehörten zur mecklenburgischen Ritterschaft, zur Versammlung der fürstlichen Vasallen, deren wirtschaftliche Grundlage der Großgrundbesitz war und die in der Zusammenkunft der Stände, dem Landtag, die stärkste Macht bildeten. Die erste „Verfassung“ des Landes, der 1755 erlassene „Landesgrundgesetzliche Erbvergleich“ wurde auch durch die Unterschrift eines le Fort autorisiert.

„Mecklenburgische“ Werke

Eine Reihe von Werken insbesondere der Frühzeit der Dichterin ist in Mecklenburg angesiedelt, darunter die Novelle Der Klosterkater, die 1910 in der Zeitschrift Die Gartenlaube abgedruckt wurde, wohl die harmloseste und heiterste von le Forts Geschichten. Sie verarbeitet erlauschte Schnurren und typisch mecklenburgische „Leute-Mißverständnisse“.

Kreuzgang im Kloster DobbertinEin fünfzehnjähriger, im besten Flegelalter befindlicher und natürlich aus aristokratischem Hause stammender Junge hat in einem mecklenburgischen adligen Damenkloster - gemeint ist Dobbertin - den Angorakater der zukünftigen Domina in die Speisekammer einer wohlbeleibten Konventualin eingesperrt, wo er die sorgsam gehüteten Spickaale auffrißt. Daran droht die Dominawahl zu scheitern.

Zu den Fundstücken des le Fortschen Nachlasses gehört die gleichfalls in Mecklenburg angesiedelte Erzählung Lüttjenmoor. Ihre Handlung vollzieht sich vor dem Hintergrund des mecklenburgischen Landlebens und der meisterhaft geschilderten Natur, für die wohl die Gegend um die Müritz das Modell lieferte, wenn auch die Ortsbezeichnung Lüttjenmoor nicht typisch für Mecklenburg ist und eher nach Schleswig-Holstein oder Niedersachsen weist. Diese Erzählung wurde erstmals im Jahre 2001 im Rostocker Hinstorff Verlag veröffentlicht.

Die Ich-Erzählerin fährt auf dem Weg von der Bahnstation zum Gut ihrer Tante an einem Haus vorbei, von dessen negativer Ausstrahlung sie sich fasziniert fühlt. Es wirkt auf sie wie ein „Gesicht mit blinden Augen“. Aus der in volkstümlicher Umgangssprache gehaltenen Binnenerzählung erfährt man in anrührender Weise den Zusammenhang eines Geflechtes menschlicher Abgründe von geradezu antiker Tragik. Dorfkinder und Dorfleute werden zum Sprachrohr des allgemeinen Misstrauens. Sie „wissen“. Als das verlassene Haus verkauft werden soll, wird die die Ich-Erzählerin zum düsteren Geheimnis des verlassenen Hauses geführt: dem Skelett eines kleinen Kindes, dem als Zeuge von Schande kein Leben beschieden war. Der „mallerige“, geistig verwirrte Hausknecht Krischan Wöll erschlägt die dazukommende Kindsmutter in Gegenwart ihres Mannes und wird zum unzurechnungsfähigen Rächer.

MüritzlandschaftIn dem kleinen Opus zeigen sich bereits wesentliche Elemente der le Fortschen Erzählkunst: der rote Faden der Ich-Erzählerin, eine Binnenerzählung, in der gleichfalls eine Ich-Erzählerin agiert, Strukturen der Schicksalstragödie mit Aussagen über Schuld und Sühne, Versöhnung und Erbarmen. Das weibliche Element dominiert. Die dramatisch gebaute Handlung vereint auf engstem Raum unterschiedliche Personen mit schwersten Konflikten vor dem Hintergrund der als Stimmungsträgerin aufgefassten Natur mit Heide, Moor und Unken, Wacholder und Pappeln.

Ansätze zu einem meisterhaften Umgang mit der Sprache deuten sich an, nämlich die drei Ebenen des Hochdeutschen, Niederdeutschen und des „Missingsch“, die jeweils einer bestimmten gesellschaftlichen Situation zugeordnet werden. Auch volkskundliche Elemente spielen eine Rolle, so der volkstümliche Kinderreim, der Sympathiezauber des „Bötens“ und die Beschreibung der Atmosphäre.

Die Einleitung enthält bereits die Grundüberzeugung der Gertrud von le Fort, nach der die Vergangenheit nur eine leiser und dunkler gewordene Form der Gegenwart sei: Es ist etwas Eigentümliches um das, was wir eine Geschichte nennen. So gemeinhin pflegt an es wohl für ein Stückchen Vergangenheit zu nehmen, aber im Grunde ist es doch etwas sehr Gegenwärtiges.

Gertrud von le Fort verließ Mecklenburg 1920, weil sich ihr Bruder als einer der Anführer des Kapp-Putsches schuldig gemacht hatte und das Familiengut Boeck an der Müritz enteignet worden war. Sie konvertierte zur katholischen Kirche, lebte in Bayern und schuf ein umfangreiches Werk von christlich-humanistischer Prägung.

 

Jugendbild

Wenn Sie auf das nebenstehende Bild klicken, sehen Sie ein Video über den ersten Roman von Gertrud von le Fort: “Prinzessin Christelchen”.

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